Das kleine Wörtchen „Stress“ ist in aller Munde. Jetzt hat auch noch die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) den “Stresstest” zum Wort des Jahres 2011 gekürt. Begründet hat sie ihre Entscheidung damit, dass der aus der Humanmedizin stammende Begriff 2011 auffällig oft gefallen sei. Er habe sich aus sprachlicher Sicht als äußerst produktiv erwiesen und sei in den verschiedensten Bereichen anzutreffen gewesen. “Nicht nur Banken wurden auf ihre Belastbarkeit getestet, auch etwa das Bahnhofsprojekt ‘Stuttgart 21′, die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg und deutsche Atomkraftwerke wurden Stresstests unterzogen”, heißt es in der Begründung der Jury.
Stress und jetzt auch der Stresstest gehören also – jetzt ganz offiziell – zu den zentralen Begriffen unseres gesellschaftlichen Lebens. Wir haben mal einen unserer Experten gefragt, was er davon hält. Dr. Holger Süß, Chefarzt Psychosomatik der Dr. Becker Burg-Klinik hat eine Antwort verfasst:
„Herr Seyle, kanadischer Psychiater, Wissenschaftler, Forscher und Erfinder des Begriffes „Stress“, ist Anfang des 20 Jahrhunderts gelungen, wovon viele Mediziner träumen: Berühmt und unsterblich durch dieses eine Wort, das in jeder Sprache auf der Welt gleich lautet und somit von allen gleich Menschen gleich verstanden wird: Stress.
Und ist es nicht ein allumfassender Begriff? Ein jeder versteht, ein jeder weiß, als Betroffener fühlt man sich verstanden, man hat eine Erklärung für alles, man ist befreit von Schuld und Verantwortung – und man kann auch nichts machen: Stress ist Stress. Die Unterscheidung zwischen Dis-stress und Eu-stress fällt da lieber gleich mal unter den Tisch. Stress ist Stress. Allein das Wort senkt die Stimmung und den Elan, vermiest den Alltag und die Lust, lässt schlecht schlafen und viel grübeln. Das nennt der Nervenarzt dann: Depression.
Und sind wir Deutschen nicht alle depressiv? Und sind wir nicht alle gestresst? Eine Volkskrankheit. Für jedes Alter, für jedes Geschlecht, für jeden Lebensabschnitt.
Ja, Leben ist Stress. Stress ist leben. Das kann man nun testen. Jeden Tag. Überall. Jederzeit. In Deutschland, im Alltag, in der Arbeit, beim Sport, beim Sex, beim TV – Glotzen. Alles ist Stress.
Was war nur vor dem 20. Jahrhundert? Als der Begriff „Stress“ noch nicht existierte? Als noch nicht leitliniengerecht und wissenschaftlich fundiert und qualitätskonform getestet wurde?
Ich vermute: Das Paradies!
P.S. Und wenn diese Vermutung stimmt, und man in Deutschland gegen des Stress in eine Rehabilitationsklinik geht oder geschickt wird, dann ist die Rehabilitation das …….. (Hilfestellung: Wort mit 8 Buchstaben)!“



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