Ärzte sollten Ängste ernst nehmen


 

Vertrauen schaffen. Ärzte sollten in Ruhe mit ihren Patienten über deren Ängste sprechen.

Ärzte sollten in Ruhe mit ihren Patienten über deren Ängste sprechen, um Vertrauen zu schaffen, rät Oberarzt Jens Aron.

Wirbelsäulen-Versteifung, Darm- oder Magenspiegelung – für Patienten sind Operationen und viele Untersuchungsmethoden mit Ängsten verbunden. Wie reagiert ein Mediziner am besten darauf? 

Schätzungsweise zwei Millionen Deutsche leiden laut einer Erhebung des Berufsverbandes der Allgemeinärzte unter einer krankhaften Angst vor dem Arzt.  Nach Angaben des Berufsverbandes Deutscher Psychologen (BDP) klagt jeder vierte Patient in Deutschland in den Praxen der praktischen und Allgemeinärzte über Angstsymptome wie Schwindel, Übelkeit, Panik oder Herzrasen.

Ein angegriffener Körper geht oft mit einer angeschlagenen Psyche einher. Bei Krankheitern und Beschwerden liegen bei vielen Menschen die Nerven schnell blank, die körperliche und seelische Empfindsamkeit ist hoch. Wenn dann noch zweifelhafte Nachrichten aus dem Internet oder effektheischende TV-Berichte dazu kommen, ist der Nährboden für Ängste schnell geschaffen.

Zweifel äußern sich in Fragen wie: Hat der Arzt oder die Ärztin genügend Erfahrung? Wache ich nach einer Narkose wieder auf? Was ist, wenn durch Behandlungsfehler irreparable Schäden entstehen? Werde ich große Schmerzen haben?

Sich Zeit für Fragen nehmen

„Bei Ängsten geht es im Grund immer um ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit“, weiß Jens Aron; Oberarzt in der psychosomatischen Dr. Becker Burg-Klinik in Stadtlengsfeld. „Alles, was Vertrauen schafft und den Patienten einbezieht, ist hier hilfreich.Vor einem großen Eingriff sollte immer ein ausführliches Gespräch stattfinden, in dem der Patient Antworten auf alle Fragen erhält. Der Behandler kann sich dabei vergewissern, ob auch alles tatsächlich verstanden wurde.“

Ein Patient möchte sich in guten Händen fühlen. „Wichtig ist es, genau zu erklären, was während einer Behandlung oder einer Operation passiert“, empfiehlt Oberarzt Aron. „Hier sind der Arzt, der Operateur oder der Anästhesist gleichermaßen gefragt. Auch mögliche Komplikationen sollten benannt und Lösungen aufgezeigt werden, wie man ihnen begegnet.“

Gute Vorbereitung hilft

Für viele Menschen ist schon der Besuch einer Praxis mit Anspannung verbunden. Wie schnell der Körper reagiert, zeigt der so genannte Weißkitteleffekt. Allein beim Blutdruckmessen in der Praxis schnellt bei so manchem Patienten der Blutdruck in die Höhe – und ist eine Stunde später zu Hause schon wieder ganz normal.

Patienten, die beispielsweise eine Operation vor sich haben, können sich mit frühzeitigen Recherchen über Behandlungs-Alternativen, Ärzte oder Krankenhäuser selbst Sicherheit verschaffen. Gibt es Krankenhäuser, die sich auf einzelne Verfahren spezialisiert haben? Wo praktizieren Ärzte, die über besonders viel Erfahrung mit der einzelnen medizinischen Methode verfügen? „Wichtig ist es auch, dass Patientinnen und Patienten ihre eigenen Ängste ernst nehmen, sie offen aussprechen und auch Antworten einfordern“, so Aron.

Ruhe des Behandlers wirkt sich auf Patienten aus

So mancher Zahnarzt kennt die Auswirkungen von Ängsten: Der notwendige Besuch wird immer wieder hinausgeschoben – manchmal über viele Jahre. Die Folge sind Karies, Zahnfleischverlust oder Knochenabbau. „Ängstliche und unruhige Patienten brauchen eine entspannte Umgebung. In unserer Praxis bauen wir Stress durch eine ruhige Ausstrahlung des gesamten Teams ab. Wir nehmen uns sehr viel Zeit und machen nichts, was der Einzelne nicht möchte“, erläutert Zahnärztin Dr. Monika Geißler ihr Erfolgsrezept.

Arztbesuch mit Kindern üben

Ein Arztbesuch sollte ganz normal sein. Deshalb hilft es, mit Kindern den Arztbesuch spielerisch zu üben und Vertrauen aufzubauen. Die Neugier ist groß, was alles zum Beispiel in einer  Zahnarztpraxis passiert. Wie sitzt es sich auf dem Stuhl, welche interessanten Instrumente gibt es? Kinder, die eine Arztpraxis als spannende neue Umgebung kennen lernen, gehen im Ernstfall dann viel gelassener damit um.

Rund 500 Grundschulkinder im Rheinland haben sich an einem Autorenwettbewerb der Ärztekammer Nordrhein und der AOK Rheinland/Hamburg zum Thema „Angst und Mut“ beim Arztbesuch beteiligt. Aus den Beiträgen ist ein „Mutmachbuch“ mit aufmunternden Comics, Geschichten und Bildern von Kindern für Kinder entstanden, das in den Warteräumen von rheinischen Arztpraxen und Krankenhäusern ausliegt. Das Mutmachbuch kann unter www.gesundmachtschule.de gratis heruntergeladen werden.

Wenn Angst krank macht

Angst kann krank machen – dann, wenn panische Reaktionen und eine hohe emotionale Belastung nicht mehr dem Sachverhalt angemessen sind. In den Fällen spricht der Mediziner von krankhaften Angststörungen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise äußern. „Es gibt Ängste vor spezifischen Objekten wie Hunden oder Spinnen oder allgemein negativen Entwicklungen wie Krankheiten bei Familienmitgliedern. Auch tief sitzende soziale Ängste, die mit einem Gefühl der Unterlegenheit wie bei der Prüfungsangst verbunden sind, werden unterschieden“, erläutert Jens Aron, Oberarzt in der psychosomatischen Dr. Becker Burg-Klinik Stadtlengsfeld. „Viele Ängste sind über eine Verhaltenstherapie gut behandelbar. Hier werden Schlüsselsituationen analysiert und der Patient lernt, mit angsteinflößenden Situationen oder Objekten entspannter umzugehen. Angst ist allerdings auch ein begleitendes Symptom bei Schizophrenie oder posttraumatischen Belastungen beispielsweise bei Kriegsopfern. Diese Ängste sind schwerwiegend und verlangen nach einer separaten Therapie.“

Hilfe bei tief sitzenden Störungen

Für behandelnde Ärzte ist es nicht immer direkt erkennbar, wenn ein Patient mit einer Angststörung in die Praxis kommt – denn das Problem wird selten direkt angesprochen. Die Menschen beschreiben eher eine diffuse Anspannung oder eine Unruhe, unter der sie leiden. „Der Arzt sollte das ernst nehmen, zuhören und nachfragen. Wenn er herausfindet, dass es ,unangemessene‘ Ängste sind, die den Patienten aber sehr quälen, kann eine Angststörung in Betracht gezogen werden“, sagt Experte Aaron. Es ist nun die Aufgabe des Mediziners, dem Patienten zu vermitteln, dass Angststörungen mit guten Prognosen behandelbar sind und ihn an einen Psychologen zu überweisen. Jens Aaron rät davon ab, Beruhigungsmittel zu verordnen. Denn: „Diese lösen das Problem nicht und führen schnell in eine Anhängigkeit.“ Einzige Ausnahme: Der Patient muss z. B. operiert werden und leidet unter einer Angststörung (also ‚Angst über das Maß hinaus‘) im Hinblick auf den bevorstehenden Eingriff. Befürchtungen können etwa sein: „Ich wache während der Narkose auf“ oder „Ich wache nicht mehr aus der Narkose auf“. Oberarzt Aaron: „Dahinter steht meist die Angst vor Kontrollverlust. Diese kann natürlich nicht erst therapiert werden, bevor operiert wird.“ Der Spezialist rät, in solchen Fällen die Angststörung in mit dem Patienten ruhig zu besprechen und ihm Beruhigungsmittel zu verschreiben, sodass die OP/Behandlung durchführbar ist. Eine Therapie sollte anschließend folgen.

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