Reha-Erfolg trotz Handicap


 

Ein Spitzenteam: Peter Gabor und Tobias Buchacker

Ein Spitzenteam: Peter Gabor und Tobias Buchacker

Als Dr. Christiane Ihlow, Chefärztin der Klinik Möhnesee, den Rehaantrag von Peter Gabor auf den Schreibtisch bekommt, ist sie etwas ratlos. Der 61-Jährige leidet am seltenen Usher-Syndrom und ist nahezu taub-blind. Wie kann sie ihm eine erfolgreiche psychosomatische Reha bieten? Gemeinsam mit Peter Gabor findet sie einen Weg.

Peter Gabor ist 61 Jahre alt und leidet an der seltenen, genetisch bedingten Erkrankung Usher-Syndrom. Die Erkrankung wirkt sich sowohl massiv auf das Augenlicht als auch auf das Hörvermögen aus. „Ich bin an Taubheit grenzend schwerhörig und auf hochwertigste Hörgeräte angewiesen. Dazu beträgt meine Sehschärfe nur noch etwa sechs Prozent bei einem Gesichtsfeld von nur vier Grad“, beschreibt Peter Gabor das Ausmaß seiner Beeinträchtigungen. Die Hörgeräte ermöglichen ihm dennoch eine weitgehend reibungslose Kommunikation. Im Telefongespräch merkt man nichts von seiner Schwerhörigkeit.

Es ist vor allem die starke und immer weiter fortschreitende Sehbehinderung, die ihm zu schaffen macht. Als psychosomatische Beschwerden dazu kommen, beantragt er eine Reha – und wird von gleich zwei Kliniken abgelehnt. „Mit einem taubblinden Patienten konnte oder wollte man sich dort nicht auseinandersetzen. Dabei führe ich ein selbstständiges Leben und brauche nur zur ersten Orientierung und bei Schreibarbeiten mehr Unterstützung“, berichtet er. Danach habe aber keiner gefragt.

Wer sich dann aber erkundigt hat, war Dr. Christiane Ihlow, Chefärztin der psychosomatischen Abteilung in der Dr. Becker Klinik Möhnesee. „Als Frau Dr. Ihlow mich angerufen hat, war ich positiv überrascht. Sie war die erste, die persönlich zu mir Kontakt aufgenommen hatte, um zu fragen, inwieweit ich in der Reha Assistenz brauche“, erzählt er rückblickend.

Persönliche Assistenz für einen guten Start in die Reha

Medizinstudent Tobias Buchacker absolviert genau zu der Zeit ein Pflegepraktikum in der Klinik Möhnesee, als Peter Gabor seinen Reha-Aufenthalt dort verbringt. „Tobias als persönliche Assistenz für Herrn Gabor einzusetzen, war ideal für alle Beteiligten. Aber auch ohne einen Praktikanten hätten wir eine individuelle Lösung gefunden“, versichert Christiane Ihlow. Das Praktikum wird für Tobias Buchacker zu einer besonderen Erfahrung. „Ich hatte vorher noch nie Kontakt zu einem taubblinden Menschen. Am Anfang musste ich mich immer wieder daran erinnern, nichts über Gesten zu zeigen, wie zum Beispiel in welche Richtung wir jetzt gehen oder wo sich etwas befindet“, erzählt er über die anfänglichen Herausforderungen.

Dass er seinen Job bestens gemeistert hat, bestätigt ihm Peter Gabor persönlich. „Tobias war schnell in der Materie und hat sich aufopferungsvoll um mich gekümmert. Er hat mir geduldig alles gezeigt, falls nötig auch vier- oder fünfmal, bis ich mich zurechtgefunden habe. Nach ein paar Tagen konnte ich bereits die meisten Wege alleine gehen“, sagt er. Zur Orientierung benutzt er einen Blindenstock und beim Treppensteigen zählt er die Stufen. „Das ist am einfachsten“, erklärt er.

Vertrauen ist wichtig

Doch nicht nur um die Wege auf dem Klinikgelände kennenzulernen, ist ihm Tobias Buchacker eine Hilfe. „Es waren ganz viele Kleinigkeiten, bei denen er mir geholfen hat. Zum Beispiel hat er mir die Therapiezettel vorgelesen oder mich auf dem Plan für das Gerätetraining eingetragen.“ Dazu kommen Spaziergänge, Erledigungen im Dorf, Gespräche. „Ich muss einem Assistenten natürlich vertrauen können, immerhin sieht und hört er für mich mit. Mit Tobias hat das alles von Anfang an hervorragend geklappt.“ Und auch der Medizinstudent nimmt viel Positives für sich mit: „Dass man trotz einer solch starken Beeinträchtigung ein so fröhliches, aktives und selbstbestimmtes Leben führen kann, hat mich sehr beeindruckt.“

Zeit für den Erfolg

Und wie läuft die Reha an sich für Peter Gabor? Insbesondere die Gesprächstherapien mit Ärzten und Psychotherapeuten sowie die Sport- und Bewegungsangebote bringen ihm viel. Das Training auf dem Ergometer genießt er immer sehr. „Wenn ich könnte, würde ich gerne noch länger bleiben. Ich fühle mich rundum gut betreut, egal ob von den Ärzten, Therapeuten oder vom Pflegepersonal.“ Als etwas Besonderes empfinde er auch die Akzeptanz und Hilfsbereitschaft seiner Mitpatienten. Fragt man ihn nach dem Unterschied zu seinen bisherigen Erfahrungen mit anderen Kliniken, kommt die Antwort prompt: „Hier in Möhnesee habe ich mehr Zeit für die Therapien. Mein Tag ist durchgeplant aber gleichzeitig entspannt. Das macht mir den Aufenthalt richtig angenehm.“

Mut gemacht für mehr

Auch Chefärztin Dr. Ihlow zeigt sich rundum zufrieden mit dem Verlauf der Reha für Peter Gabor. „Anhand der gelungenen Zusammenarbeit von Herrn Buchacker und Herrn Gabor kann man sehen, dass sich der Mut, neue Wege zu beschreiten, immer lohnt. Als ich die Patientenakte von Herrn Gabor das erste Mal las, war ich mir nicht sicher, ob wir ihm gut helfen können.“ Sie habe sich dann bei einem Kollegen erkundigt, der mit Taubstummen-Patienten arbeitet, wie er die Sache einschätzt und wurde von ihm ermutigt, einfach den Kontakt zu suchen. „Im Gespräch mit Herrn Gabor hat mir Herr Gabor Mut gemacht, es zu versuchen, da er selbst viel weniger Bedenken hatte als ich. Als dann noch die Anfrage für das  Praktikum des Medizinstudenten kam, konnte ich die beiden gut zusammenbringen. Man kann also sagen, jeder hat hier was gelernt und Herr Gabor als Patient hat uns Mut gemacht für mehr.“

Leben mit Usher

In Nordrhein-Westfalen gibt es spezielle Hilfen für Menschen mit Hör- und Sehbehinderungen: Über das Taubblindenassistenz-Projekt, eine Initiative des Fördervereins für hör- und hörsehbehinderte Menschen in Recklinghausen, können sich Betroffene ausgebildete Assistenten vermitteln lassen. Finanziert werden diese entweder von den Betroffenen selbst, über die Eingliederungshilfe oder unterstützt durch die Stiftung „taubblind leben“. So können Menschen mit entsprechenden Handicaps auch für eine Reha persönliche Assistenz beantragen. Mehr Infos gibt es beim Taubblindenassistenz-Projekt. Betroffene des Usher-Syndroms und ihre Angehörigen finden außerdem Hilfe bei der Selbsthilfevereinigung Leben mit Usher-Syndrom e. V. unter www.leben-mit-usher.de.

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