„Es lohnt sich, sich zu wehren. Das müssen die Patienten wissen!“


 

Bis zu 1.000 Mal im Jahr klingelt im Leipziger Büro des Arbeitskreises Gesundheit e.V. das Telefon. Der gemeinnützige Verein unterstützt Patienten unentgeltlich bei Fragen und Problemen rund um die stationäre Reha. Ein gefragter Service, denn der Weg in die (Wunsch-)Klinik gestaltet sich häufig holprig. Da kommt eine helfende Hand gerade recht

Herr Dörr, Sie sind Geschäftsführer des Arbeitskreises Gesundheit e. V. Was sind die drei häufigsten Gründe für eine Kontaktaufnahme mit dem Arbeitskreis Gesundheit?

Entweder wurde der gesamte Reha-Antrag abgelehnt, oder es gibt allgemeine Fragen zum Wunsch- und Wahlrecht, oder die Patientinnen und Patienten haben ein Schreiben über Zuzahlungsverlangen für ihre Wunschklinik erhalten.

Warum stellen sich Kostenträger in puncto Wunsch- und Wahlrecht so oft quer?

Das hat allein wirtschaftliche Gründe. Viele Krankenkassen entscheiden mit Verweis auf das Wirtschaftlichkeitsgebot alleine nach Preis. So werden die Rechte der Patienten beschnitten. Tatsächlich ist die billigste Klinik nicht zwingend die medizinisch am besten geeignete Klinik. Der Patient hat aber Anspruch auf eine Behandlung in der am besten geeigneten Klinik – und das ohne Zuzahlung.

Häufig erhalten Patienten den Hinweis, die von ihnen genannte Wunschklinik sei keine Vertragsklinik. Mit dieser Aussage werden die Patienten mehr oder weniger gezielt aufs Glatteis geführt, weil ihnen hierdurch suggeriert wird, dass die Wunschklink mangels Vertrag nicht zugewiesen werden könne. Den für die Behandlung notwendigen Vertrag nach dem SGB V haben aber praktisch alle Kliniken! Wenn der Kostenträger von einer Vertragsklinik spricht, meint er regelmäßig nur, dass er mit dieser Klinik eine besonders günstige Vergütung vereinbart hat. Das muss den Patienten aber nicht interessieren, wenn seine Wunschklinik besser medizinisch geeignet ist. Bessere medizinische Eignung liegt beispielsweise vor, wenn die Wunschklinik deutlich früher mit der Behandlung beginnen kann, wenn der frisch operierte Patient deutlich kürzer zur Klinik transportiert werden muss oder wenn die sonstigen weiteren Erkrankungen des Patienten mit behandelt werden können.

Ingo Dörr Bild Portrait Passfoto hochkant

Ingo Dörr, Geschäftsführer des Arbeitskreises Gesundheit e.V., kennt die Tricks der Kostenträge

Gerne versenden die gesetzlichen Krankenkassen auch ohne Prüfung der medizinischen Eignung Zuzahlungsschreiben und fordern beim Patienten hohe Summen für eine Reha in seiner Wunschklinik. Und das sind keine Kleckerbeträge, da werden sogar völlig überzogene vierstellige Summen gefordert.

In wie vielen Fällen lohnt es sich, Widerspruch gegen die abgelehnte Wunschklinik oder gegen Zuzahlungsbescheide einzulegen?

Ein Widerspruch lohnt sich fast immer, also wirklich in den allermeisten Fällen. Ich habe zum Beispiel noch nie einen ordnungsgemäßen Bescheid über Zuzahlungsforderungen für die Wunschklinik gesehen. Und auch gegen Ablehnungen der Krankenversicherung von Wunschkliniken kann man mit den richtigen Argumenten eigentlich immer erfolgreich vorgehen. Die Erfolgsquoten beim Widerspruch sind sehr hoch – eben weil die Entscheidungen der Kostenträger meist wesentliche Argumente unberücksichtigt lassen.

Gibt es den perfekten Reha-Antrag, mit dem sich Ärger mit dem Kostenträger von Anfang an vermeiden lässt?

Ja, den gibt es durchaus. Beim Reha-Antrag und beim Wunsch- und Wahlrecht gilt: Eine gute Begründung ist die halbe Miete. Denn der Kostenträger muss alle Argumente im Antrag berücksichtigen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Findet er keine Lücken, fehlen ihm Gegenargumente für eine Ablehnung. So einfach ist das.

Was kann die Dr. Becker Klinikgruppe Ihrer Meinung nach tun, um angehenden Patient*innen den Weg in ihre Wunschklinik zu vereinfachen?

Es ist wichtig, den Patienten mitzuteilen, dass sie sich nicht abwimmeln lassen dürfen. Das können Klinikmitarbeiter telefonisch machen, wenn Patienten mit einem solchen Anliegen anrufen. Auch über die Klinik-Homepage oder die Sozialen Netzwerke sollte diese Botschaft verbreitet werden. Wie gesagt, es lohnt sich in den allermeisten Fällen, sich zu wehren – und das müssen die Patienten wissen. Sinnvoll ist es häufig auch, den Patienten zu raten, sich beim Reha-Antrag bzw. Widerspruchsschreiben unterstützen zu lassen – beispielsweise vom Arbeitskreis Gesundheit e. V.

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