„Wenn ich die Kinder auf Station häufiger sehe als die eigenen, läuft was falsch“


 

Rosige Aussichten für Nachwuchsärzte?

Hohe Arbeitsbelastung, schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zu wenig Zeit für die Patienten – sind das wirklich die Arbeitsbedingungen, die Ärzte im Klinikalltag erwarten? Über 12.000 Medizinstudierende äußerten in einer aktuellen bundesweiten Befragung nach ihren Berufserwartungen zumindest genau diese Befürchtungen (vgl. Dt. Ärztbl. Int.2012_109_18_ 327-32)

Ich habe mich daraufhin mit Dr. Volker Koch, unserem leitenden Pädiater in der Dr. Becker Klinik Norddeich, unterhalten. Ich wollte von ihm wissen, ob er diese Befürchtungen bestätigen kann und wie er seinen Beruf als Kinderarzt mit seiner Rolle als Vater von vier Kindern unter einen Hut zu bringt.

 

Petra Becker: Herr Dr. Koch, gerade hat das deutsche Ärzteblatt die Ergebnisse einer bundesweiten Befragung nach den Berufserwartungen von Medizinstudierenden veröffentlicht (Dt. Ärztbl. Int. 2012; 109 (18): 327-32). Von den über 12.000 Befragten gaben 63% an, dass sie von einer hohen Arbeitsbelastung in ihrem späteren Job und damit einhergehend von einer schlechten Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausgehen. Können Sie das bestätigen? Wie ist das bei Ihnen?

Dr. Koch: Ich weiß, wovon die angehenden Kollegen und Kolleginnen reden. Ich selber bin, nachdem ich meinen Facharzt im Akuthaus gemacht hatte, in eine leichte „Sinnkrise“ geraten. Mir wurde klar, dass ich die Kinder auf der Station häufiger sehe und besser kenne als die eigenen. Da lief etwas grundsätzlich falsch.

Also habe ich angefangen nach Alternativen zu suchen, eine Niederlassung als Kinderarzt zum Beispiel. Ich wollte mich als Allergologe weiterbilden und bin dann letztlich über das Weiterbildungsverzeichnis auf die Dr. Becker Klinik in Norddeich gestoßen. Schon im Vorstellungsgespräch wurde mir ziemlich schnell klar, dass ich hier eine Stelle als Pädiater annehmen kann, die sich mit ihren geregelten Arbeitszeiten ganz hervorragend mit meinem Familienleben vereinbaren lässt. Hier ist fast alles so planbar wie Ebbe und Flut.

Petra Becker: Aber Sie fühlen sich auch trotzdem noch als vollwertiger Pädiater? Es wird ja oft behauptet, Reha sei keine „richtige“ Medizin. Wissen Sie, was diejenigen meinen, die so was sagen?

Dr. Koch: Ich weiß, was die Studierenden damit meinen, ich selbst habe so etwas insgeheim gedacht, als ich noch im Akuthaus gearbeitet habe.

Nach dem Wechsel in die Rehabilitationsmedizin ist mir klar geworden, dass es sich um eine absolut vollwertige medizinische Tätigkeit handelt, die wissenschaftlich fundiert und leitlinienbasiert ausgerichtet ist. Wir hier sehen eine geringere Krankheitsbreite als die Kollegen in den Akuthäusern, das ist richtig. Aber dafür gehen wir mehr in die Tiefe. Wir begleiten die Patienten deutlich länger und können so Krankheitsverläufe besser beobachten.

Natürlich verliert man etwas, wenn man aus dem Akuthaus weggeht, in meinem Fall war es der Bereich Neonatologie. Damit werde ich nichts mehr zu tun haben, und das war schon schmerzlich für mich. Allerdings hätte ich damit auch als niedergelassener Arzt kaum Berührungspunkte gehabt. Und ich habe durch meine Tätigkeit als Rehamediziner auch etwas gewonnen, nämlich die Weiterbildung zum Allergologen. Es ist wie mit allem im Leben: Letztlich liegt es doch an einem selbst, was man aus den Dingen macht. Möglichkeiten ein guter Arzt zu sein oder zu werden, bietet Ihnen auch die Rehabilitationsmedizin. Norddeich war und ist meine fortbildungsintensivste Zeit.

Petra Becker: Stichwort „Guter Arzt“ – was ist mit Aufstiegsmöglichkeiten in der Rehaklinik? Sind die besser als in den Akuthäusern?

Dr. Koch: Per se „besser“ würde ich nicht sagen. Es gibt ja in einer Rehaklinik nicht mehr Leitungsfunktionen. Aber was die Rehakliniken bestimmt eher bieten als die Akuthäuser sind Aufstiegsmöglichkeiten in Teilzeit. Eben weil wir hier gut planen können und strukturierte Tagesabläufe haben, können Leitungsfunktionen auch an Teilzeitstellen vergeben werden. 

Als eine weitere Barriere für eine Festanstellung in einem Krankenhaus wurde die nicht angemessen zur Verfügung gestellte Zeit für die Behandlung von Patienten genannt. Wie sehen Sie diesen Punkt? Sehen Sie hier einen Unterschied zwischen der Arbeit in einem Akuthaus und einer Rehaklinik?

Dr. Koch: Hier gibt es auf jeden Fall einen deutlichen Unterschied zwischen Akuthaus und Rehaklinik. Ich kann natürlich nicht für alle meine Kollegen und Kolleginnen sprechen und der ein oder andere stöhnt auch wegen der Arbeitsbelastung. Aber ich habe hier deutlich mehr Zeit als früher für meine Patienten, ja schon allein wegen der längeren Verweildauern.

Petra Becker: Können Sie uns vielleicht einfach mal einen normalen Arbeitstag von Ihnen schildern?

Dr. Koch: Ich komme morgens um kurz vor 8:00 Uhr in die Klinik und nehme auf dem Weg nach oben die Post aus dem Verwaltungspostfach mit. Im Schwesternzimmer erfahre ich dann, ob in der Nacht etwas Besonderes vorgefallen ist und ob Mütter wünschen, dass ich mir heute ihre Kinder direkt anschaue. Dann habe ich vormittags Sprechzeiten, so wie sie von der Mitarbeiterplanung am Vortag eingeteilt wurden. Bis zum Mittagsessen habe ich außerdem einige Diktate hinter mir. Am Nachmittag hatte ich dann eine Projektsitzung und noch einmal „Sprechstunde“. Außerdem habe ich die Kinder, die direkt zu mir geschickt wurden, z.B. mit Prellungen aus der Sportstunde, akutmedizinisch behandelt. Ich prüfe Laborbefunde und setze weitere Diagnostik an. Außerdem prüfe ich Anträge, sichte dafür Akten und telefoniere mit den niedergelassenen Kollegen, um herauszufinden, ob wir das Kind sinnvoll aufnehmen können. Gegen 16:30 Uhr habe ich in der Regel Feierabend.

Petra Becker: Mit wie viel Prozent würden Sie den Anteil an „medizinfremden Tätigkeiten“ in Ihrem Berufsalltag angeben?

Dr. Koch: Medizinfremde, also nicht direkt am Patienten verübte Tätigkeiten machen vielleicht so 40 Prozent meines Tages aus. Ich muss aber sagen, dass es mir hier deutlich weniger vorkommt als im Akutkrankenhaus.

Petra Becker: Herr Dr. Koch, danke für dieses Gespräch!

 

Biografie Dr. Volker Koch

Dr. Volker Koch

Dr. Volker Koch

 

 

 

 

 

 

 

Hochschulbildung

  • 04/93: Beginn des Studiums der Humanmedizin, Universität zu Köln
  • 04/99- 05/00: Praktisches Jahr in einem Kreiskrankenhaus

Berufserfahrung

  • 08/00- 11/00: Arzt im Praktikum in einer HNO-Praxis
  • 11/00- 02/02: Arzt im Praktikum in einer kinderärztlichen Gemeinschaftspraxis
  • 03/02- 06/03: Assistenzarzt in einer Kinderklinik
  • 07/03- 03/08: Assistenzarzt / Oberarzt in einer pädiatrischen Abteilung
  • 04/08- dato: Oberarzt / Leitender Oberarzt, Klinik Norddeich, Norden

Zusatz- Qualifikationen

  • 09/03: Fachkunde Strahlenschutz, Anwendungsbereich Notfalldiagnostik, Röntgen-Thorax
  • 07/04: Qualifikation zum Neugeborenen-Notarzt
  • 11/04: Sonografie-Seminare nach DEGUM- Zertifizierung
  • 07/05: Promotion zum Doktor der Medizin
  • 11/06: Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
  • 01/09: Zertifizierter Asthmatrainer
  • 06/10: Zusatzweiterbildung Allergologie
  • 06/11: Ermächtigung zur Weiterbildung, Gebiet Pädiatrie

 

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