HRV Biofeedback – ein Schmetterling weist den Weg zur Entspannung


 

 

Der Schmetterling auf dem Bildschirm gibt direkte Rückmeldung auf den aktuellen Entspannungsgrad.

Der Schmetterling auf dem Bildschirm gibt Anwendern direkte Rückmeldung auf ihren Entspannungsgrad.

Entspannung ist nicht einfach
Viele von uns haben schon mal gesundheitliche Beeinträchtigungen erlebt, deren Ursachen schwer greifbar sind und für die es scheinbar keine richtige Lösung gibt: Wiederkehrende Kopfschmerzen, Tinnitus oder Schlafstörungen zum Beispiel.

Für die Behandlung setzen Ärzte und Therapeuten häufig auf eine ganzheitliche Betrachtungsweise und verbinden unterschiedliche Therapieansätze miteinander. Entspannungstechniken spielen hier für den Behandlungserfolg eine große Rolle. Doch nicht jedem Patienten fällt es leicht, sich auf eines der Angebote einzulassen: „Progressive Muskelentspannung? Das hab’ ich schon probiert, das ist nichts für mich“, „Yoga oder Meditation ist mir zu esoterisch“ oder „Autogenes Training funktioniert bei mir nicht“ sind nur einige der Reaktionen, mit denen sich der Behandelnde dann konfrontiert sieht. Dabei geht  es in der Regel nicht um grundsätzlichen Unwillen. Tatsächlich kann es sein, dass Menschen sich nicht auf bestimmte Entspannungsmethoden einlassen können, obwohl sie es wollen. Ein Grund ist beispielsweise, dass sie schlicht und einfach nicht spüren, ob sie entspannt sind – der „innere Sensor“ funktioniert nicht richtig. Das schafft erneut Stress und wirkt entsprechend kontraproduktiv. Abhilfe kann hier das sogenannte HRV Biofeedback schaffen. Aber was ist das eigentlich?

Unbewusste Körpervorgänge bewusst steuern lernen
Biofeedback im Allgemeinen gibt es bereits seit den 1960er Jahren. Dabei handelt es sich um das Sichtbar- bzw. Hörbarmachen von unbewussten Körpervorgängen (Puls, Blutdruck, Hirnströme etc.), um diese mit regelmäßigem Training bewusst steuern zu lernen. Dies geschieht mit Hilfe von Messgeräten, die an entsprechende Computerprogramme gekoppelt sind.

Das HRV Biofeedback ist eine spezielle Form davon. Dabei wird mittels eines Infrarotsensors am Ohr die Herzfrequenz erfasst, die durch die Atmung von Herzschlag zu Herzschlag variiert. „Der zeitliche Abstand zwischen zwei Herzschlägen verändert sich kontinuierlich. Ein Teil der Veränderungen wird durch die Atmung hervorgerufen. Bei der Einatmung wird die Herzfrequenz schneller, bei der Ausatmung langsamer“, erklärt Dr. Markus Borries, Oberarzt in der Psycho-Kardiologie der Dr. Becker Klinik Möhnesee, diese Art der sogenannten Herzratenvariabilität (HRV). Der Kardiologe und Psychotherapeut, der sich unter anderem auf Biofeedback spezialisiert hat, setzt das HRV Biofeedback seit einiger Zeit erfolgreich in seiner Klinik als Entspannungsverfahren für psychosomatische sowie kardiologische Patient/innen ein.

Gar nicht so entspannt wie vermutet
Eine ausgeprägte Variabilität der Herzfrequenz gilt im Allgemeinen als ein Zeichen von Gesundheit. „Die Herzratenvariabilität wird auch durch Faktoren wie Alter, Größe, Gewicht oder Medikamente und den aktuellen psychischen Zustand beeinflusst. Beim HRV Biofeedback geht es darum, die Herzfrequenz mit der Atmung in einen gemeinsamen Rhythmus zu bringen. Das trainiert den Teil des vegetativen Nervensystems, der uns entspannen lässt“, so Borries. Normalerweise laufen solche erholungsfördernden Prozesse unbewusst ab. Mit der Atmung und Rückmeldung über die Technik können diese jedoch bewusst gemacht und geübt werden.

„Bei uns in der Klinik läuft das Training so ab, dass der Patient vor einem Bildschirm sitzt, auf dem ein Schmetterling zu sehen ist. Anhand des Sensors wird die Herzfrequenz gemessen und über die Bewegungen des Schmetterlings die Veränderung der Herzfrequenz abgebildet“, so Borries. Ziel des Trainings ist es, langsam, tief und entspannt zu atmen, um so eine hohe Herzratenvariabilität hervorzurufen. Der Schmetterling visualisiert den Trainingsverlauf. Flattert er nervös am unteren Bildschirmrand, bedeutet das eine niedrige Herzratenvariabilität, die z. B. durch eine unentspannte Grundstimmung gekennzeichnet sein kann. Fliegt der Schmetterling mit gleichmäßigen Flügelschlägen nach oben, zeigt dies, dass die Atmung aktuell eine relativ große Änderung der Herzfrequenz hervorruft, Herzschlag und Atmung im Einklang sind und der Patient entspannt ist.

Diese direkte Rückmeldung des Programms sei auch der entscheidende Vorteil, den das HRV Biofeedback gegenüber anderen Entspannungsmethoden habe: „Viele Patienten sind überrascht, wenn sie sehen, dass sie gar nicht so entspannt sind, wie sie es eigentlich vermutet hatten“, beschreibt Borries die häufige anfängliche Diskrepanz zwischen innerem Empfinden und HRV Biofeedback. Mit der Zeit lernten sich die Anwender/innen jedoch immer besser selbst kennen und seien damit in der Lage, den eigenen Entspannungsgrad besser einzuschätzen und durch die Atmung zu steuern.

HRV Biofeedback statt progressiver Muskelentspannung
„Grundsätzlich eignet sich das HRV Biofeedback als Entspannungsmethode für alle unsere Patienten. Besonders günstig erweist es sich beispielsweise bei Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Herzerkrankungen oder Schlafstörungen. Aber auch bei Schmerzstörungen werden gute Ergebnisse erzielt“, so Borries. Erste Erfolge könne man in einigen Fällen sehr schnell innerhalb weniger Wochen anhand des Programms sehen. Doch auch unabhängig von den reinen Messwerten sei die Rückmeldung der Patienten positiv: „Das HRV Biofeedback wird sehr gut angenommen. Patienten berichten mir immer wieder in Gesprächen, wie hilfreich sie das Training durch die direkte Resonanz über das Programm empfinden.“ Allerdings schränken bestimmte Erkrankungen die Anwendung ein. Dazu gehören Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern oder Nervenerkrankungen wie die diabetische Neuropathie. Hier entstehen Messfehler und dann funktioniert das Programm nicht. Für alle anderen – und besonders für diejenigen, die mit der normalerweise angebotenen progressiven Muskelentspannung nicht zurecht kommen – steht das HRV Biofeedback nach einer kurzen Einführung an acht Bildschirmplätzen zur Verfügung. Während der Trainingszeiten ist immer eine Pflegekraft oder ein/e Therapeut/in anwesend, um die jeweils individuellen Einstellungen des Programms zu überwachen bzw. anzupassen.

Das HRV Biofeedback als spezielle Form des seit vielen Jahren bekannten Biofeedbacks gibt es bislang nur in wenigen Kliniken in Deutschland. Damit gehört die Dr. Becker Klinik Möhnesee zu den ersten Einrichtungen mit diesem Angebot. Wer diese Entspannungsmethode zuhause nutzen möchte, kann sich entsprechende Sensoren und Programme über den Fachhandel kaufen und an seinen eigenen PC anschließen. Nach einigen Trainingssitzungen mit Kenntnis über die individuell günstigste Atemfrequenz und innere Haltung kann natürlich auch jederzeit ohne die Technik geübt und Entspannung erzeugt werden.

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