Ein langer Weg zurück ins Leben


 

Gastbeitrag PBWI (1)Als Frau G. in die Dr. Becker Kiliani-Klinik kam, hatte sie bereits einen langen Kampf hinter sich. Ihre schwere Erkrankung führte sie auf die Intensivstation, auf der sie aufgrund hochgradiger Lähmungen einschließlich Hirnnervenbeteiligung mit Lungenschwäche behandelt wurde. Sie musste über eine Trachealkanüle beatmet werden, wurde über eine Magensonde ernährt und war bei allen alltäglichen Handlungen komplett auf Hilfe angewiesen.

„Ich habe täglich um das Überleben gekämpft; darum, dass ich genug Luft bekomme. Es war sehr schlimm“, erzählt Frau G. „Ich war froh, als ich die Trachealkanüle bekam. Ich wusste, ohne die geht gar nichts mehr. Aber trotzdem ist es ja nicht einfach. Man muss regelmäßig abgesaugt werden, ich konnte nicht reden und habe eigentlich nicht mehr daran geglaubt, wieder zu gesunden. Mir wurde zwar immer gesagt, dass es mir irgendwann wieder besser gehen und ich in die Reha kommen würde, aber irgendwann schwindet die eigene Hoffnung. Ich war oft sehr traurig.“

Reha lebt von interdisziplinärer Zusammenarbeit

Nach acht Wochen Intensivstation kam Frau G. Ende Mai in die klinikeigene Frührehabilitation auf die Station 1b der Dr. Becker Kiliani-Klinik in Bad Windsheim. Nachdem sich alle Berufsgruppen ein umfassendes Bild von der Patientin gemacht hatten, wurden in der gemeinsamen Aufnahmevisite zusammen mit Frau G. und dem Team aus Ärzten/innen, Pflegekräften und Therapeuten/innen als erstes Rehabilitationsziel die komplette Entwöhnung vom Beatmungsgerät und schließlich der Trachealkanüle festgelegt. Dafür galt es, zielgerichtete Pflege- und Therapiemaßnahmen täglich aufeinander abzustimmen und die Fortschritte regelmäßig zu evaluieren. Da alle Patienten/innen der Frührehabilitation auf Station behandelt werden, geschieht der interdisziplinäre Austausch nicht nur in den wöchentlichen Teams und Visiten, sondern auch in  „Tür und Angel“-Gesprächen.Gastbeitrag PBWI (2)

Dr. Kafaji, Neurologischer Oberarzt der Station 1b, beschreibt dies folgendermaßen: „Für mich als Arzt beginnt die interdisziplinäre Zusammenarbeit früh morgens, wenn ich die Patienten visitiere, die Meinungen und Informationen der Therapeuten und der Pflegefachkräfte einhole und diese in die Gesamtbeurteilung der Patienten mit einfließen lasse.“ Auch die Therapeuten/innen benötigen für sinnvolle Interventionen Informationen über den aktuellen Zustand von Patienten/innen oder geplante pflegerische Maßnahmen.

Erste Fortschritte nach zwei Tagen

Vor Beginn der logopädischen Therapie mit Frau G. benötigten die zuständigen Logopäden/innen anfangs vor allem Informationen über die Zeiträume ohne Beatmungsgerät, denn nur in diesen waren Entblockungs- und damit auch Sprechversuche möglich. Da die Patientin bereits in der Akutklinik tagsüber für längere Zeit ohne Beatmungsgerät zurechtkam, gelang die Entwöhnung von der Beatmungsmaschine sehr zügig. „Es war ganz erstaunlich“, erinnert sich Frau G. „Ich kam liegend und beatmet und nach zwei Tagen hatte ich plötzlich den Eindruck, ich kann wieder atmen. Ich kann ohne Maschine sein, tags und nachts. Das war für mich ein ganz großer Erfolg.“

Die schrittweise Entwöhnung der Trachealkanüle

Gastbeitrag PBWI (3)Die Entwöhnung von der Trachealkanüle stellte hingegen eine deutlich größere Herausforderung dar. In der logopädischen Befundung zeigte sich eine schwere Schluckstörung. Durch die Beeinträchtigung von atem- und schluckrelevanter Muskulatur konnte Frau G. ihren eigenen Speichel nicht effizient schlucken und auch nicht abhusten. Die Trachealkanüle war deshalb zum Schutz der Atemwege zunächst unverzichtbar, an Essen oder Trinken war erst recht nicht zu denken.

Um Patienten/innen wie Frau G. schrittweise und behutsam von der Trachealkanüle zu entwöhnen, haben Logopädie, Pflege und Ärzteschaft einen Standard zur Trachealkanülenentwöhnung entwickelt. Jeder Schritt in diesem 6-stufigen Prozess verlangte von der Patientin Fortschritte in verschiedensten Bereichen und von uns eine enge Abstimmung zwischen den Therapieinhalten. „Alle therapeutischen Disziplinen blicken über den Tellerrand ihres Aufgabenbereichs“, sagt Fabian Klenk, Ergotherapeut auf Station 1b. „So entstehen positive Synergieeffekte und es gibt eine schlüssige Gesamttherapie für den Patienten.“

Bei Frau G. waren atemtherapeutische Anwendungen zur Sekretmobilisation essenziell. Sie musste mobiler und kräftiger werden, um ihre Atemwege wieder effizient und selbständig reinigen zu können. Sie benötigte mehr Kontrolle über Kopf- und Rumpfmuskulatur, um effektives Schlucken zu ermöglichen. Zudem erhielt die Patientin eine intensive logopädische Schlucktherapie, die sie mit unglaublichem Willen, Motivation und viel Engagement bewältigte. „Wir haben jeden Tag trainiert. Das war anstrengend und wir wussten nicht, ob es auch wirklich fruchtet. Aber das hat es!“, sagt Frau G. „14 Wochen nach meiner Erkrankung konnte ich mit angedickten Getränken wieder die ersten Schlucke machen. Das war für mich das Allerschönste!“

Gemeinsam ans Ziel

Gastbeitrag PBWI (5)Nach sieben Wochen auf der Station hatte das Team das große erste Ziel endlich erreicht: Die Trachealkanüle konnte entfernt werden und die Patientin bekam ihre erste Mahlzeit außerhalb der Therapie. Das ist nicht nur für Patienten/innen, sondern für das gesamte Team jedes Mal ein besonderer Moment. „Wir, als großes interdisziplinäres Team wissen, was wir zusammen auf die Beine stellen können“, erklärt Yvonne Schumann, Pflegekraft auf Station 1b. „Man sieht die Erfolge in der Patientenentwicklung. Das macht Freude und bestätigt, dass wir als Team gut miteinander arbeiten.“

Nach weiteren Wochen in den Phasen B, C und D verließ Frau G. Mitte September die Dr. Becker Kiliani-Klinik – zu Fuß, ohne Hilfsmittel, sprechend, lachend und mit der Aussicht auf viele genussvolle Restaurantbesuche. Ihr Fazit: „Ich hatte das Gefühl, hier ziehen Therapeuten, Ärzte und Pflegekräfte alle am selben Strang und ich habe mich hier von Anfang an sehr sicher und aufgehoben gefühlt.“ Die Reha lebt von interdisziplinärer Arbeit. Nur so können die Teams solche Herausforderungen erfolgreichen meistern.