Entspannter Umbau des Gehirns


 

Wer Achtsamkeit praktiziert, kann mit der Hektik des Alltags besser umgehen und wird gelassener. Doch Achtsamkeit hat nicht nur Einfluss auf unser psychisches Wohlbefinden. Regelmäßige Achtsamkeitsübungen können das Gehirn nachhaltig verändern. Wie, verrät Dr. Holger Süß, Chefarzt der psychosomatischen Dr. Becker Burg-Klinik in Stadtlengsfeld und Facharzt für Neurologie.

Dr. Holger Süß, Chefarzt Psychosomatik der Dr. Becker Burg-Klinik und Facharzt für Neurologie.

Herr Dr. Süß, welche Veränderungen kann Achtsamkeit im Körper auslösen?

S: Meditation ist eine allgemein bekannte und inzwischen populäre Art des Entspannungs- und Achtsamkeitstrainings. Wie diese sich auf den Körper auswirkt, ist gut erforscht. Wer regelmäßig meditiert, verändert sein Gehirn. Das konnten Forscherinnen und Forscher mithilfe von Kernspintomografen nachweisen. So ist bei Menschen, die regelmäßig meditieren, die Hirnrinde, der Ursprung unserer Gehirnaktivität, bis zu 5% dicker als bei Vergleichspersonen. Meditation führt dazu, dass die Hirnrinde nachweislich dicker wird. Altersbedingt findet oft eine Ausdünnung der Hirnrinde statt. Achtsamkeits- und besonders Meditationsübungen können uns also dabei helfen, länger geistig fit zu bleiben.

Haben die Forscher weitere Auswirkungen im Hirn feststellen können?

S: Ja, im Kernspintomografen konnten sie auch beobachten, dass sich der Frontallappen vom Rest des Hirns „abkoppelt“. Dieser Vorgang hat eine erhöhte Aufmerksamkeit zur Folge  und steigert die Konzentrationsfähigkeit.

Meditation im Turmzimmer ist Teil des Therapieplans vieler Patienten/innen in der Dr. Becker Burg-Klinik.

Gibt es messbare neurobiologische Veränderungen, die unmittelbar Einfluss auf Erkrankungen nehmen können?

S: Forscher konnten einen positiven Einfluss auf unser Emotionszentrum feststellen. Menschen mit Angststörungen beispielsweise weisen einen vergrößerten Mandelkern auf – auch Amygdala genannt. Bei Angstpatienten ist diese Region dauerhaft in Alarmbereitschaft und dadurch vergrößert. Meditation kann eine vergrößerte Amygdala wieder „schrumpfen“ lassen. Die Folge: Das Angstempfinden lässt nach und es ist wieder mehr Raum für positive Gedanken. Das beeinflusst natürlich die Gesundung solcher Patienten.

Wie kann Achtsamkeit den Körper in Heilungsprozessen von somatischen Erkrankungen unterstützen?

S: Achtsamkeit direkt kann keine Krankheiten heilen. Da Achtsamkeitsübungen das Stresslevel senken, können sie den Körper dennoch stärken. Erkrankungen, die durch Stress verstärkt werden, können durch eine Besinnung auf das Hier und Jetzt beeinflusst werden. Darunter fallen ganz unterschiedliche Krankheiten; das reicht von Hauterkrankungen bis Diabetes. Regelmäßige Meditation kann zudem zu einer Senkung des Blutdrucks führen und so zum Beispiel einem Herzinfarkt vorbeugen. Auch Krebspatienten berichten häufig von positiven Effekten durch regelmäßige Achtsamkeitsübungen.