Rückkehr ins Arbeitsleben bei psychischer Erkrankung


 

Dr. Alexey Tarasov, Chefarzt der Dr. Becker Brunnen-Klinik, die auf psychosomatische Rehabilitation spezialisiert ist, erklärt im Interview, wie effiziente Wiedereingliederung bei psychisch erkrankten Arbeitnehmer/innen gelingen kann – und wie wichtig hierbei die Nachsorge ist.

Wie bereiten Sie Arbeitnehmer mit psychischen Erkrankungen oder Burnout auf die Rückkehr ins Arbeitsleben vor? Welche Angebote gibt es?
Es gibt bei uns in der Dr. Becker Brunnen-Klinik viele Möglichkeiten, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit psychischen Erkrankungen auf die Rückkehr ins Arbeitsleben vorzubereiten.

Dr. Alexey Tarasov, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Dr. Becker Brunnen-Klinik.

Wenn es gewünscht ist, können wir einen langsamen Einstieg  zurück ins Erwerbsleben durch z. B. die stufenweise Wiedereingliederung ermöglichen. Findet die stufenweise Wiedereingliederung unmittelbar im Anschluss an eine Reha-Maßnahme statt, sollte sie noch während der Reha beantragt werden. Dazu füllen unsere Sozialberater gemeinsam mit Arzt und Patienten den Antrag aus und erstellen einen „Wiedereingliederungsplan“. Aus diesem geht hervor, mit welcher Tätigkeit und Stundenzahl der Arbeitnehmer beginnt und wie die Art und der Umfang der Tätigkeit dann gesteigert werden. Während der stufenweisen Wiedereingliederung ist der Arbeitnehmer noch krankgeschrieben. Möglich ist die stufenweise Wiedereingliederung in der Regel nur, wenn der Arbeitgeber zustimmt. Dies ist unserer Erfahrung nach meistens der Fall.

Außerdem empfehlen wir Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, z. B. Umschulung oder Qualifizierungsmaßnahmen, die unsere Sozialberater während der Reha ausführlich mit den Patienten besprechen.

Wir haben beispielsweise für die Patienten mit beruflichen Problemen haben wir ein MBOR-Programm (Medizinisch-Beruflich-Orientierte Reha) mit ca. 50 Plätzen. Voraussetzung zur Teilnahme ist eine sogenannte „besondere berufliche Problemlage“. Diese wird nach einem bestimmten Screening-Verfahren der DRV festgestellt und Einschränkungen des Patienten mit seiner Arbeitssituation abgeglichen. Patienten, bei denen eine „besondere berufliche Problemlage“ festgestellt wurde, erhalten dann während ihrer Reha entsprechende Leistungen wie z. B.

  • Gruppenangebot „Achtsamkeitstraining am Arbeitsplatz“
  • Gruppenangebot „Pro Job“
  • Gruppenangebot „Arbeitsbezogene Rückenschule“
  • Berufliches Soziales Training
  • Mentales Aktivierungstraining
  • Bildschirmplatztraining
  • Arbeitsplatztraining

Und wie geht es nach der Reha weiter?
Die Nachsorge ist wichtig, um Reha-Erfolge langfristig zu sichern. In unserer Klinik leiten wir bei Notwendigkeit die Reha-Nachsorge Psy-RENA von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) ein. Als Psy-RENA-Teilnehmer nimmt der Patient nach seiner Reha an wöchentlichen Gruppen-Gesprächsterminen teil. Diese sind für ihn kostenlos und wohnortnah. Unterstützt von einem Psychologen, tauschen sich hier 8-10 Teilnehmer 25 Wochen lang über ihre Erfahrungen nach der Reha aus und üben gemeinsam, ihre Selbstmanagementkompetenzen im Alltag zu stärken. Übergeordnetes Ziel einer Psy-RENA-Gruppe ist es, die Rehaerfolge und Erwerbsfähigkeit jedes Einzelnen langfristig zu stabilisieren.

Um zeitnah und wohnortnah einen Psy-RENA-Platz für den Patienten zu finden, arbeitet unser Sozialdienst mit der Online-Plattform psyrena.de. Über sie findet man eine vollständige Liste aller Nachsorge-Einrichtungen in Deutschland. Die Nachsorgeplattform wurde von der Dr. Becker eHealth entwickelt und unterstützt seit 2016 Rehabilitanden dabei, schnell einen Nachsorgeplatz zu finden. Die DRV empfiehlt einen nahtlosen Beginn der Nachsorge, in der Regel nicht später als drei Monate nach Abschluss der Rehabilitation. Darum ist eine einfache und schnelle Kontaktaufnahme noch während der Reha ist sehr wichtig.

Mit welchen Problematiken kommen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu Ihnen?
Belastungen am Arbeitsplatz und Arbeitsverdichtungen sind in fast allen Unternehmen gestiegen. Auch die Zahl der Renten auf Grund von psychischen Erkrankungen haben laut DRV-Statistik zugenommen: von 53.888 im Jahr 2007 auf 71.303 im Jahr 2017. Das bedeutet einen 30% Zuwachs in 10 Jahren! Die Probleme unserer Patienten sind entsprechend: Überbelastung, viele Überstunden, auch Mobbing am Arbeitsplatz oder Arbeitsplatzverlust, mangelnde Wertschätzung und/oder fehlende Strategien zur Stressbewältigung. Neue Studien haben gezeigt, dass die Menschen, die in ihrer Kindheit nicht gelernt haben, wie sie mit Konflikten und Stresssituationen umgehen sollen, im Erwachsenalter ein erhöhtes Risiko haben, an Depression zu erkranken. In unserer Klinik lernen die Patienten die Stressbewältigung, Umgang mit Mobbingsituationen und Umgang mit Konflikten.

Was können Arbeitnehmer tun, um psychischen Erkrankungen vorzubeugen oder zukünftig – vor allem in Bezug auf das Arbeitsleben/den Arbeitsplatz – besser damit umzugehen?
Um psychischen Erkrankungen vorzubeugen, können Arbeitnehmer z. B. die Konflikte frühzeitig ansprechen, bei gesundheitlichen Problemen rechtzeitig zum Betriebsarzt gehen oder professionelle Hilfe holen. Man sollte z. B. ambulante Psychotherapie oder eine ambulante Behandlung beim Psychiater in Anspruch nehmen und frühzeitig einen Antrag auf psychosomatische Reha stellen. Die Menschen sollten sich nicht schämen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein offener Umgang mit der psychischen Erkrankung hilft dem Betroffenen und seinen Angehörigen bei der Bewältigung und Heilung. Leider gibt es in der Gesellschaft noch viele Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen, was den offenen Umgang für viele erschwert. In unserer Gruppe „Achtsamkeitstraining am Arbeitsplatz“ sprechen wir auch darüber, welche Möglichkeiten es gibt, die eigene Erkrankung zu thematisieren.  

Was sollten Arbeitgeber im Umgang mit psychisch erkrankten Mitarbeitern beachten?
Arbeitgeber sollten im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen ihrer Fürsorgepflicht nachkommen und z. B. Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) aktiv durchführen. Außerdem wäre es wichtig, im Betrieb gesundheitsfördernde Maßnahmen zu organisieren (mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, flexible Arbeitszeitgestaltung ermöglichen usw.). Es wäre auch wichtig, dass die Arbeitgeber ihre Führungskräfte schulen, so dass diese sensibler und fürsorglicher mit psychisch erkrankten Menschen umgehen können. Dazu gehört z. B., dass sie Symptome frühzeitig erkennen. Wenn sie merken, dass jemand müde oder langsam geworden ist und unter Konzentrationsstörungen leidet, sollten sie ihn nicht sofort abmahnen, sondern taktvoll ansprechen und ihm empfehlen, sich professionelle Hilfe zu holen.

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